STOLPERSTEINE IN FREIBURG

Bericht in der Zeitung des Bürgervereins Oberwiehre-Waldsee für Dezember 2018

 

Einmal im Jahr bietet der Bürgerverein eine öffentliche Veranstaltung. Passend zur Erinnerung an die Freiburger Pogromnacht vor 80 Jahren entschieden wir uns dieses Jahr für eine Stolpersteine-Führung mit Marlis Meckel, der Initiatorin der Freiburger Stolpersteine, am Abend des 9. November. Eine eindrückliche, berührende, vor allem aber nachdenklich stimmende Veranstaltung.

 

Marlis Meckel (3. von links) am Sammelplatz vor dem alten Wiehre-Bahnhof kurz vor Führungsbeginn      Foto: Lehmann

 

80 Jahre sind üblicher Weise keine Anlass für ein besonderes Gedenken. Trotzdem riefen die Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Freiburg, aber auch bundesweit ein enormes Echo hervor. Geschuldet ist dies sicherlich zwei Tatsachen. Zum einen den vermehrten Angriffen auf jüdische Mitbürger einhergehend mit Hetzsprüchen auf Mauern und im Internet, zum anderen, dass an diesem 80. Jahrestag noch einige Zeitzeugen leben, die den Namen der Millionen von Holocaust-Opfern ein Gesicht geben können. In zehn oder gar zwanzig Jahren wird dies nicht mehr möglich sein. Deswegen war es für uns wichtig, gerade jetzt diese Führung anzubieten. Zudem sollte es eine klare Aussage sein, dass wir als Bürgerverein die immer lauter werdenden Signale von rechts mit großer Sorge beobachten und ihnen durch Aktionen wie mit dieser Führung zumindest im Kleinen gegensteuern wollen.

Für sich betrachtet sind die Stolpersteine in den Bürgersteigen vor vielen Häusern in unserer Stadt Erinnerungen an die Wohnorte der Opfer der Nazi-Herrschaft. Marlis Meckel sorgt jedoch mit ihrer Initiative, aber besonders durch ihre Publikationen und Führungen dafür, dass den Opfern ihre Namen zurückgegeben werden (so auch der Titel ihres 2006 im Rombach-Verlag  erschienenen Buches).

Mehr als 30 Personen interessierten sich für unser Angebot. Bereut hat seine Teilnahme sicherlich niemand. Marlis Meckel „lebt“ ihre Führungen. Sie hat für dieses Mal exemplarisch acht Häuser in der Oberwiehre mit Stolpersteinen davor ausgesucht. Beeindruckend dabei, dass sie zu jedem der Namen auf den Messingtafeln in der Lage war, die „Geschichte hinter den Namen“ zu benennen. Aus Zwischensätzen war herauszuhören, dass sie das über alle der mittlerweile rund 420 Freiburger Stolpersteine kann. Es war ihr auch ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass nicht ausschließlich Menschen mit jüdischem Glauben von den Deportationen betroffen waren, sondern alle nicht in die arische Rassenlehre passenden Personengruppen wie politisch Andersdenkende, Sinti und Roma, Behinderte oder Homosexuelle.

Sie berichtete, wie auf ihre Initiative hin der erste Stolperstein in Freiburg am 22. Oktober 2002 in der Goethestraße 33 verlegt wurde. Dort wohnte bis zu seiner Deportation in das Konzentrationslager Gurs in den französischen Pyrenäen im Jahr 1940 der Nationalökonom Prof. Dr. Robert Liefmann mit seinen Schwestern. Liefmann starb bereits fünf Monate später in Morlaàs, die Schwestern konnten auf abenteuerliche Weise fliehen und überlebten.

Zu jedem der angelaufenen Steine konnte sie solche Hintergrund-Informationen liefern. Genauso spannend waren ihre Schilderungen zu Führungen mit Schulklassen. Bei der Führung einer gymnasialen 8. Klasse fragte sie einen Schüler, warum er anfangs so zweifelnd geschaut und doch so aufmerksam zugehört hatte. Seine Antwort verblüffte sie völlig, als er sagte: „Ich dachte immer, den Nationalsozialismus gab es damals nur in Berlin oder so, aber auch hier in Freiburg...?“

 

 

Messing überzogene Betonsteine erinnern an Deportierte Im Taschenlampen-Strahl besonders eindrücklich    Foto: Lehmann

 

 

Neben dem an diesem Abend ausgesprochenen großen Dank an Frau Meckel für die in allen Facetten herausragende Führung, möchten wir auch unserem Vorstandsmitglied Dr. Karl-Ernst Friederich danken, der nicht nur den viel beachteten  Titel „80 Jahre Novemberpogrom“ im November Bürgerblatt verfasste, sondern uns veranlasste, sich grundsätzlich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Wenn Sie mithelfen wollen, dass weitere Stolpersteine verlegt werden können, hier die Spendendaten:

Stolpersteine Freiburg, Marlis Meckel, Scheffelstraße 39, 79102 Freiburg Spendenkonto  IBAN:DE73 5003 3300 1020 0246 00, Santander Bank Freiburg Weitere Informationen unter: www.freiburg-im-netz.de/stolpersteine

 

 

Hans Lehmann, BV

 

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