STOLPERSTEINE IN FREIBURG

 

 

PROF.DR.ROBERT LIEFMANN

158 | Goethestraße 33, 79100 Freiburg | (A)

Der Nationalökonom PROFESSOR DR.ROBERT LIEFMANN wurde am 4. Februar 1874 in Hamburg geboren. Sein Vater stammte aus Mecklenburg, seine Mutter aus einer rheinischen Ärztefamilie. ROBERT LIEFMANN lebte mit seinen Schwestern DR.ELSE LIEFMANN und MARTHA LIEFMANN in der Goethestraße 33 in Freiburg. Im Jahr 1885 zogen die Eltern, Kaufmann Semmy Liefmann und Auguste Juliane, wegen Krankheit des Vaters mit ihren fünf Kindern von Hamburg nach Freiburg, so dass das Haus in der Goethestraße bis Oktober 1940 Heimat der Familie Liefmann war. Nach dem frühen Tod der Geschwister Karl Alfred und Harry und dem Tod der Eltern übernahmen die ledigen Geschwister ROBERT, MARTHA und ELSE LIEFMANN das Haus.

 

ROBERT LIEFMANN studierte Rechtswissenschaft und Nationalökonomie in Freiburg, unter anderem bei Max Weber, und war seit 1904 zunächst außerordentlicher Professor, seit 1914 ordentlicher Honorarprofessor an der Freiburger Universität. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Organisationsformen der Wirtschaft und die Grundlagen des Tauschverkehrs. Dabei schuf er durch die Verbindung von Psychologie und Ökonomie eine von ihm selbst als ‚Psy­chische Theorie‘ bezeichnete Erklärungsweise wirtschaftlicher Mechanismen und Phänomene. „Von meinem Vater habe ich wohl den Wirklichkeitssinn und die Eigenschaft, dass das ständige Denken mir beinahe so natürlich ist wie das Atmen, von meiner Mutter vielleicht die Phantasie, ohne die originale, wissenschaftliche Leistungen ebensowenig möglich sind wie künstlerische“, schreibt Robert Liefmann über sich (Quelle 38, S. 161). Insgesamt verfasste er über 20 Bücher, dazu über 50 wissenschaftliche Artikel, aber auch Beiträge über die Alpen und den Ballonflug, der eines seiner Hobbys war. Anfang der 20er Jahre zwang ihn eine schwere Erkrankung jahrelang aufs Krankenlager und zeitweise in den Rollstuhl. Erst 1926 konnte er seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen.

 

Als akademisch gebildete, politisch engagierte und wirtschaftlich erfolgreiche Familie gehörten die LIEFMANNs zu den öffentlich wirksamen und integrierten Bürgern und Bürgerinnen Freiburgs. Dies änderte sich 1933 schlagartig. Obwohl schon die Eltern die jüdische Gemeinde verlassen hatten und ihre Kinder evangelisch taufen ließen, wurden diese aus Beruf und Universität ausgeschlossen: ROBERT LIEFMANN erhielt, wie alle „nicht-arischen“ Hochschullehrer, Lehr- und Publikationsverbot und wurde zwangsemeritiert. Eine Auswanderung kam für die Liefmanns aufgrund ihrer Verbundenheit mit Freiburg jedoch nicht in Betracht. Robert Liefmann hatte sich als deutscher Patriot 1914 sogar als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Zwar hatte ein GESTAPO-Mitarbeiter ihm noch 1939 versichert, dass ihnen nichts geschehen würde. Dennoch wurden die drei Geschwister am 22. Oktober 1940 verhaftet und nach Gurs deportiert. Das Haus Goethestraße 33 wurde enteignet und an die GESTAPO vermietet, es wurden Zellen im Keller eingebaut. Das gesamte Inventar wurde versteigert. Unter Vermittlung des Flüchtlingssekretärs des Ökumenischen Rates in Genf, Adolf Freudenberg, eines Verwandten der LIEFMANNs, gewährte man den Geschwistern im Februar 1941 einen Erholungsurlaub in Morlaas in der Nähe von Gurs. Dort traf der gesundheitlich schwer beeinträchtigte ROBERT LIEFMANN am 15. März 1941 ein, starb jedoch fünf Tage später am 20. März 1941, 67 Jahre alt. Am selben Tag traf ein Telegramm ein, in dem ihm die Ernennung zum ordentlichen Professor der Staatswissenschaften in New York mitgeteilt wurde und das ihm und seinen Schwestern die Möglichkeit zur Ausreise gegeben hätte. Die Beerdigung fand am 23. März 1941 in Morlaas statt. MARTHA und ELSE LIEFMANN schildern in einem Brief aus Morlaas die Bestattung ihres Bruders:

 

 „Es war eine ganz zahlreiche Gemeinde, viele Leute aus dem Städtchen, die alle voll Teilnahme waren und dann natürlich eine ganze Zahl unserer jüdischen Campgenossen, die sich auch hier befinden ( ... ) Ein glücklicher Zufall wollte es, dass ein früherer Hörer von Robert, der ein Semester in Frbg. studiert hatte, auch hier ist und in sehr feiner schöner Form Robert als Wissenschaftler, Lehrer u. Mensch ehrte ( ... ) Es ist ja Frühling hier und so war sein schlichter Sarg mit vielen frischen Frühlingsblumen bedeckt, die wir u. die Bekannten ihm noch gepflückt hatten. Dazu der herrliche Sonnenschein, es war alles friedlich u. schön (Quelle 50, S. 140)“.

 

Die Verlegung des Stolpersteins für Prof. Dr. Robert Liefmann fand als sogenannte „Probeverlegung“ statt. Probeverlegung heißt : ohne Genehmigung des Gemeinderats oder irgendeiner städtischen Stelle den Stein in den Bürgersteig vor dem Haus, in dem die LIEFMANNs wohnten, zu verlegen. Wir wollten zeigen, wie „so etwas“ aussehen kann. Zur Probeverlegung kamen unter anderen die Presse, einige Professoren, Stadträte, Schülerinnen und Schüler und Freunde des Projekts. Extra aus Hamburg reiste die Großnichte der LIEFMANNs an, Dr. Dorothee Freudenberg-Hübner, die eine Enkelin des Flüchtlingssekretärs Adolf Freudenberg ist. Es las der Schauspieler Ullo von Peinen aus dem Buch von MARTHA und ELSE LIEFMANN Helle Lichter auf dunklem Grund (Quelle 38). Anschließend wurden alle Beteiligten von einer Nachbarin zum Kaffee eingeladen.

 

 

Probe-Stolpersteinverlegung für PROF.DR.ROBERT LIEFMANN am 22. Oktober 2002.

 

 Quellen:   3, 4, 7, 10, 12, 14, 16, 38, 39, 50, 52

 

  • ≡