STOLPERSTEINE IN FREIBURG

 

 

MARTHA LIEFMANN

157 | Goethestraße 33, 79100 Freiburg | (A)

MARTHA LIEFMANN wurde am 19. Juni 1876 geboren, vermutlich in Hamburg. Sie wohnte mit ihren Geschwistern, Professor DR.ROBERT LIEFMANN und der Kinderärztin DR.ELSE LIEFMANN, in der Goethestraße 33 in Freiburg. Im Jahr 1885 zogen die Eltern, der Kaufmann Semmy Liefmann und Auguste Juliane, mit ihren fünf Kindern von Hamburg nach Freiburg, so dass dieser Ort 55 Jahre lang Heimat der Familie LIEFMANN war. Nach dem frühen Tod der Geschwister Karl Alfred (*1875) und Harry (*1877) und dem Tod der Eltern übernahmen die ledigen Geschwister ROBERT, MARTHA und ELSE LIEFMANN das Haus. MARTHA LIEFMANN organisierte den Haushalt der Familie und verfasste kunsthistorische Abhandlungen und Gedichte. Im Zuge der nationalsozialistischen Maßnahmen verlor ihre Schwester ELSE LIEFMANN ihre ärztliche Kassenzulassung, ihr Bruder ROBERT LIEFMANN wurde, wie alle „nicht-arischen“ Hochschullehrer, 1933 aus der Universität ausgeschlossen. Davor schützte sie auch nicht, dass bereits ihre Eltern die jüdische Gemeinde verlassen hatten und sich zum evangelischen Glauben bekannten und dass alle fünf Kinder evangelisch getauft waren.

 

Am 22. Oktober 1940 wurden die drei Geschwister mit 350 anderen Freiburgerinnen und Freiburgern nach Gurs deportiert, wo sie in verschiedenen Teilen des südfranzösischen Internierungslagers untergebracht wurden. MARTHA und ELSE LIEFMANN schildern die Ankunft in Gurs:

 

„Unbeschreiblich war diese erste Nacht im Lager. Die alten Frauen waren vom Schreck und den Anstrengungen der Reise meist völlig verwirrt, einige still und apathisch, andere aufgeregt, redeten, sangen und schrien ( ... ) Die Wohnbaracken für je etwa sechzig Menschen waren zum Teil in äußerst baufälligem Zustand, die Bewohner dem Regen und Wind ausgesetzt, und bei den heftigen Stürmen in dieser Gegend kam es nicht selten vor. dass Teile von Dächern weggerissen wurden. In diesen „Wohn“-Baracken gab es kein Wasser, keine Fenster. nur einige Dachluken [ ... ] An diesem ersten Morgen schon begann der Kampf mit dem Schlamm, der den Lagerboden zwischen den einzelnen Baracken bei nassem Wetter knietief und schlüpfrig und schwer begehbar machte (Quelle 38, s. 49)“.

 

Unter Vermittlung des Flüchtlingssekretärs des Ökumenischen Rates in Genf, Adolf Freudenberg, wurde den LIEFMANNs im Februar 1941 ein Erholungsurlaub im 50 Kilometer entfernt gelegenen Morlaas genehmigt. Zunächst konnte ELSE LIEFMANN am 7.3.1941 das Lager verlassen, eine Woche später folgten MARTHA und ROBERT LIEFMANN.

 

„Nun also ist es erreicht! Das C.d.G. liegt hinter(!) uns. Dank Gottes Güte und Eurer Hilfe. [ ... ] Die Reise mit all den Schwierigkeiten war natürlich sehr schwer, aber es fanden sich überall freundliche, hilfsbereite Menschen und so kamen wir doch rechtzeitig hier an, von Else freudig begrüßt“, berichtet Martha in einem Brief vom 16.3.1941 aus Morlaas von ihrer Ankunft (Quelle 50, S. 131).

 

Am 20. März 1941 starb ROBERT LIEFMANN. Auch in Morlaas waren die Schwestern nicht vor dem Zugriff der Nationalsozialisten sicher; sie bemühten sich um eine Ausreise in die Schweiz. Am 8. April 1941 erhielt MARTHA LIEFMANN eine offizielle Einreisebewilligung in die Alpenrepublik und verließ am 25. April 1941 Morlaas, wo ihre Schwester ELSE LIEFMANN allein zurück blieb. Von Genf aus setzte sich MARTHA LIEFMANN vehement für die Ausreise ihrer Schwester ein. Erst am 16.12.1941 konnte ELSE LIEFMANN über Dieulefit Morlaas verlassen und über die Berge Savoyens in die Schweiz flüchten. Sehnsüchtig erwartet von ihrer Schwester MARTHA LIEFMANN.

 

Nach Ende des Krieges lehnten die Schwestern LIEFMANN das Angebot ab, erneut deutsche Staatsangehörige zu werden.

 

„Zu sehr fühlten wir uns durch die Geschehnisse seit 1933 betrogen, zu wenig konnten wir das Misstrauen unterdrücken, dass sich nun in Deutschland jedes und alles geändert haben sollte. (...) Die Entnazifizierung dünkte uns eine Farce. In allen Berufen und in allen Ämtern waren oder waren wieder Nazis vorhanden und tätig...“

 

begründete ELSE LIEFMANN ihre Haltung und die ihrer Schwester die Haltung (Quelle 38). Sieben Jahre nach Kriegsende starb MARTHA LIEFMANN 1952 in Zürich. Sie wurde 76 Jahre alt.

 

 

Stolpersteinverlegung für MARTHA LIEFMANN im Juli 2003 im Beisein von Schülerinnen des Rotteck-Gymnasiums und ihrer Lehrerinnen.

 

Quellen:   3, 7, 10, 14, 38, 39, 50, 51, 52

 

  • ≡