STOLPERSTEINE IN FREIBURG

Michael Wieck

aus: „Zeugnis vom Untergang Königsbergs“, Lambert Schneider Verlag, Heidelberg 1989

 

Michael Wieck ist ein Überlebender des Holocaust. Er ist der letzte Mann mit jüdischer Religion, der Königsberg verlassen konnte. Er wird später  ein international berühmter Geiger, der u.a. auch im Radio-Sinfonieorchester Stuttgart spielte.

 

Während einer STOLPERSTEIN-Führung für eine 8. Klasse aus Freiburg schaute mich einer der Schüler anfangs sehr zweifelnd an. Immer wieder suchte er meinen Blick. Er schien hoch interessiert am Thema zu sein. Ich sprach über den Nationalsozialismus in Freiburg und Umgebung und natürlich auch über die Menschen, für die wir schon STOLPERSTEINE verlegt haben. Über deren Familien, ihre Zugehörigkeit zur Freiburger Gesellschaft der 1870er Jahre und folgende wie die1920er, 1930er Jahre usw. Über ihre Berufe, Kindheit, Schule und Studium, ihre Religionen, ihre politischen Einstellungen und über alles Weitere, das wir über die Opfer des Nazi-Terrors hier erforschen oder erfahren konnten sowie über ihr Schicksal unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Dann ging es auch um die Gründe, warum diese Menschen hier in der Stadt Freiburg von den Nazis verfolgt, gedemütigt, verhört, mit Schul-, Studien- und Berufsverboten belegt und ihres Vermögens beraubt wurden - bis hin zu Verhaftung, Deportation und Ermordung.

Ich fragte den Schüler dann, warum er anfangs so zweifelnd geschaut und doch so aufmerksam zugehört hatte. Seine Antwort verblüffte mich total als er sagte: „Ich dachte immer, den Nationalsozialismus gab es damals nur in Berlin oder so, aber auch hier in Freiburg...?“

Ja, es gab ihn auch hier. Es gab den Nazi-Terror überall in Deutschland(!) und darüber hinaus. Durch verschiedene Ereignisse geschah hier sogar manches früher als in anderen Städten, z.B. durch die Schüsse des Landtagsabgeordneten CHRISTIAN DANIEL NUSSBAUM in Notwehr auf zwei Polizisten am 17.3.1933. Durch diese Tat wurden alle politischen GegnerInnen der Nazis unmittelbar nach dieser Nacht verhaftet, unter ihnen auch der Reichstagsabgeordnete STEFAN MEIER, der später im KZ Mauthausen erschlagen wurde.

 

Durch den Ehrgeiz der beiden Nazi-Gauleiter Wagner und Bürckel fand im Deutschen Reich die erste große Verhaftungswelle und anschließende Deportation der Menschen, die die jüdische Religion hatten oder denen die Nazis die „jüdische Rasse“ zuschrieben, hier schon am 22.10.1940 statt. Diese Menschen wurden an einem Tag des jüdischen Laubhüttenfestes verhaftet und in das südfranzösische Internierungslager/KZ Gurs deportiert. Die beiden Gauleiter wollten als erste ihren Bereich von „Juden befreien“ .

Dem vorausgegangen waren allerdings schon viele andere Verhaftungen und Deportationen:

  • Politische GegnerInnen des Nationalsozialismus wurden schon ab 1933 verfolgt, verhaftet und in Zuchthäusern und Gefängnissen gefangen gehalten
  • Zeugen und Zeuginnen Jehovas wurden ab 1936 verfolgt und inhaftiert, in Gefängnissen und auch in KZs
  • Es erfolgte die Verhaftung und Deportation von 17.000 aus Polen stammenden Menschen am 28.Oktober 1938 in das „Niemandsland“ zwischen Polen und dem Deutschen Reich,
  • Kurz darauf die Reichspogromnacht vom 9./10.November 1938, mit der Verhaftung und Deportation von etwa 30.000 Männern jüdischer Religion in die KZs Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald
  • Im März 1940 gab es eine erste Deportation von 1.000 Sinti und Roma aus Köln
  • Im August und November 1940 und in den folgenden Jahren dann die Deportation und Ermordung von geschätzten 300.000 Euthanasie-Opfern der sog.“Aktion T4“, die körperlich, psychisch und geistig beeinträchtigte Menschen jeden Alters betraf.

 

gibt es seit 2002 die STOLPERSTEINE in dieser Stadt. Das mittlerweile europaweite Projekt mit mehr als 55.000 recherchierten Schicksalen und verlegten STOLPERSTEINEN in mehr als 1.500 Gemeinden und Städten hat der Kölner Künstler Gunter Demnig 1992 initiiert.

 Die STOLPERSTEINE sind mit einer beschrifteten Messingplatte versehene Betonwürfel, die meist   vor den Häusern, in denen diese Menschen lebten, in die Bürgersteige eingelassen werden. Das Projekt ist gedacht, um die Namen der Opfer des Nazi-Terrors 1933 - 1945 wenigstens in die Stadt, in der sie lebten, zurückzubringen. Freiburg war 2002 die 11.Stadt in Deutschland und die erste Stadt in Süddeutschland,  in der STOLPERSTEINE verlegt wurden.

 

Bei einem Besuch der Mahn-, Gedenk- und Dokumentationsstätte der Stadt Köln, dem sogenannten  EL-DE-Haus im Jahre 2001, nahm ich einen Flyer über das STOLPERSTEIN-Projekt in Deutschland mit. Ich war gerade umgezogen in die schöne Stadt Freiburg. Doch ich vermisste hier eine Erinnerungskultur im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus. So kam mir der Flyer  über die STOLPERSTEINE „zugeflogen“, und ich beschloss dieses Projekt in Freiburg zu etablieren.

 

  • In anderen Städten erfahren, wie diese „arbeiten“
  • Opfergruppen definieren
  • ehrenamtlich Mitmachende gewinnen
  • Vorstellung des Projekts STOLPERSTEINE „überall“
  • Interessierte neugierig machen
  • kurze Zusammenarbeit mit dem „Büro für ungewöhnliche Maßnahmen“
  • Gründung der Initiative unter alleiniger Verantwortung von Marlis Meckel
  • Bücher lesen und durcharbeiten
  • wechselnde kurzfristige Ehrenamtliche („ist so eine traurige Arbeit“) einbinden
  • Absprachen mit Gunter Demnig treffen
  • Gunter Demnig in Köln besuchen
  • Spenden für STOLPERSTEINE einwerben
  • Schulklassen/Jugendliche interessieren
  • Veranstaltungen planen und organisieren
  • Recherchen beginnen
  • Stadtarchive besuchen
  • Staatsarchiv Freiburg für Recherchen aufsuchen
  • Kontakte nach Karlsruhe, Breisach u.a.
  • abschlägige Bescheide verkraften („es ist alles verbrannt“)
  • Absagen aushalten: Uni Freiburg: „Was sind Sie von Beruf? Keine Historikerin?“
  • trotzdem Kontakte zur Uni herstellen („was sind das denn, STOLPERSTEINE“?)
  • positive Menschen erleben, z.B. Herrn Prof. Ott und Herrn Prof. Herrmann
  • Unterstützung vom Kulturamt, z.B. von Herrn J. Rühl erfahren
  • Unterstützung von der VVN, Heinz Siefritz, bekommen
  • Ablehnung des Projekts durch die „Christlich-Jüdische Gesellschaft“ und Ablehnung des Projekts durch „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ erleben
  • keine Deportationsliste der Euthanasie-Opfer aus Grafeneck bekommen („Datenschutz“) - deshalb die Prozessakten des „Euthanasie-Prozesses" von 1947/48 durchgearbeitet, um Namen und Informationen daraus entnehmen zu können

 

Da es keine Listen - für  m i c h - gab, musste ich eine Abschrift aller Ermordeten / Toten Freiburgs aus dem „Koblenzer Gedenkbuch“ im Stadtarchiv vornehmen. (Zeitaufwand für diese „Meckel-Liste": 4 Tage)

 

Nun erfolgte der Antrag an die Stadt Freiburg / Gemeinderat mit der Bitte um Genehmigung zur Verlegung von STOLPERSTEINEN in die Bürgersteige (für diesen öffentlichen Raum musste der Gemeinderat zustimmen) im März 2002

  • Unterstützung durch Kulturamt und Stadtarchiv
  • aber bei Nachfragen, wann Entscheidungen fallen, aufs Abwarten verwiesen
  • Oberbürgermeisterwahl: neuer Oberbürgermeister Dr. Salomon sagt zu, das Projekt STOLPERSTEINE zu unterstützen
  • Idee Gunter Demnig: „Probeverlegung“ eines STOLPERSTEINs planen
  • Es kam zur „Probeverlegung“ des 1. STOLPERSTEINs für PROF. DR. ROBERT LIEFMANN, Goethestraße 33, am 22. Oktober 2002 im Beisein von einer Großnichte der LIEFMANNs aus Hamburg, SchülerInnen, LehrerInnen, neugierigen und interessierten FreiburgerInnen. Das Haus der Liefmanns war nach der Deportation der Familie LIEFMANN als GESTAPO-ZENTRALE (1941-1945) benutzt worden.
  • unterstützender Artikel in der Badischen Zeitung von Journalist Martin Höxtermann
  • Eingang vieler Spenden für zu verlegende STOLPERSTEINE
  • Am 10. Dezember 2002 beschließt der Freiburger Gemeinderat einstimmig, das Projekt STOLPERSTEINE für Freiburg zuzulassen.
  • Im Dezember 2002 findet die erste Veranstaltung im Kommunalen Kino Freiburg zum Thema STOLPERSTEINE statt (...volles Haus).
  • Nun kommt Unterstützung von vielen Seiten, als hätte Freiburg darauf gewartet...
  • Es erfolgt eine Absprache mit dem Stadtarchiv, wonach jede unserer Recherchen abgestimmt wird.
  • Es werden Kontakte zu Angehörigen der Opfer gesucht und gefunden.

 

 

Die erste offizielle Verlegung eines Steins

- für KURT ADLER, Kaiser-Joseph-Str.169 - durch Gunter Demnig wird im Januar 2003 vorgenommen; weitere Verlegungen folgen im  April 2003, Juli 2003, Oktober 2003, Januar 2004, Juli 2004, November 2004, Januar 2005, Oktober 2005.

2005 und 2006 sind der Vorbereitung, der Recherche und dem Verfassen des Buches: “Den Opfern ihre Namen zurückgeben“ (Marlis Meckel: Rombach Verlag 2006) gewidmet. Das Buch wird u.a. durch OB Dr. Salomon in der Gertrud-Luckner-Schule vorgestellt.

  • weitere Verlegungen September 2006 und September 2007
  • 2008 Mitarbeit und Mit-Organisation beim „ZUG DER ERINNERUNG“ und dem Projekt „NAZI-TERROR  gegen Jugendliche“ in Freiburg.
  • wieder Verlegungen neuer STOLPERSTEINE  September 2012,  April 2013 und September 2013, Juli 2014, September 2015
  • Insgesamt fanden inzwischen mehr als 750 STOLPERSTEIN-Führungen durch / mit Marlis Meckel statt.
  • Zusammenarbeit mit Schulen/LehrerInnen, Betreuung von Seminar- und Projektarbeiten  unterschiedlicher Schulformen
  • Weitere indirekt mit dem Projekt zusammenhängende Aktivitäten bestehen in der Organisation von Vorträgen, Gesprächen mit ZeitzeugInnen und Lesungen.
  • Hilfestellung und Unterstützung wurde bei anderen neuen süddeutschen STOLPERSTEIN-Initiativen geleistet z.B.Trier, Konstanz, Eichstetten, Lahr...

 

 

von Seiten des Gemeinderats und durch Herrn OB Dr. Salomon, Herrn Bürgermeister von Kirchbach sowie durch das Kulturamt der Stadt Freiburg (Amtsleiter Herrn Könneke und Frau Britta Baumann). Finanzielle Förderung bekam das Projekt auch durch den BürgerInnenpreis 2014. Die  Finanzierung der Website und die Kostenübernahme des Stadtplans der verlegten STOLPERSTEINE sind seitens der Stadt Freiburg übernommen worden. Außerdem leisten die freundlichen, kompetenten und zuverlässigen Mitarbeiter des Garten- und Tiefbauamts, sowie des Liegenschaftsamts, bei Vorbereitung und Verlegung wertvolle Dienste.

Engagiert ehrenamtlich Mitarbeitende, besonders im Bereich der Recherche, sind seit 2006 Peter Künzel und seit 2012 Silvia Böhm-Steinert.

Zahlreiche Kontakte bestehen inzwischen in „alle Welt“: Schweden, Niederlande, Israel, Frankreich, Großbritannien, USA, Uruguay... Es fanden und finden Besuche nach und von dort statt.  Besuchende aus diesen Ländern sind Verwandte der Opfer in Freiburg und sie interessieren sich sehr für die STOLPERSTEINE zur Erinnerung an die Vorfahren (Ur- und Urur-Großeltern, -onkel und -tanten)

Besonders hervorzuheben sind die guten Kontakte zur Freiburger Israelitischen Gemeinde, besonders zur Vorsitzenden Irina Katz. Gemeinsame Veranstaltungen  belegen dies. Dankbar bin ich für die Übernahme der Verantwortung durch den VVN-BdA Landesverband Stuttgart, für die Aufsicht über das Spendenkonto der Freiburger STOLPERSTEINE und dessen Führung.

 

Freiburg im Dezember 2015, Marlis Meckel

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