STOLPERSTEINE IN FREIBURG

 

DR.GERTRUD LUCKNER

170 | Landsknechtstraße 5, 79102 Freiburg | (B)

171 | Kirchstraße 4, Gertrud-Luckner-Schule, 79100 Freiburg

 

DR.GERTRUD LUCKNER wurde als Jane Hartmann am 26. September 1900 in Liverpool geboren. Ihre leiblichen Eltern waren Gertrude und Robert Hartmann. Ihre Pflegeeltern, Karl und Luise Luckner, nahmen sich der kleinen Jane an und adoptierten sie 1922. Bedingt durch Umzüge, Krankheiten (unter anderen TB) und den Krieg 1914-18 besuchte sie keine Schule regelmäßig und konnte so auch erst mit 25 Jahren ihr Abitur machen. Sie durchlief verschiedene Praktika im sozialen Bereich. Danach absolvierte sie ein Volkswirtschaftsstudium in Königsberg, Frankfurt und Birmingham. Ihren Studienabschluss als Diplom-Volkswirtin legte sie im Sommer 1929 ab. 1931 zog GERTRUD LUCKNER nach Freiburg. Sie wurde dort promoviert, studierte aber auch am Institut für Caritaswissenschaften.

 

Wie Dr. Hans-Josef Wollasch in seinem Buch über GERTRUD LUCKNER schreibt, durchschaute sie „als kritische Leserin von Adolf Hitlers Programmschrift Mein Kampf, als aufmerksame Beobachterin seiner Redeauftritte und des Erscheinungsbildes der SA in der Öffentlichkeit“ (Quelle 71, s. 19) bereits 1931, dass diese neue Bewegung judenfeindlich und menschenverachtend war. GERTRUD LUCKNER war Pazifistin. Sie lernte vor ihrer Konversion zum katholischen Glauben Schwester Placida (EVA LAUBHARDT ) kennen.

 

DR.GERTRUD LUCKNER war in vielfältiger Weise während des national¬sozialistischen Terrorregimes deutschlandweit zur Unterstützung, Hilfe und Rettung für jüdische Menschen unterwegs. Schon ab 1933/1934 wurde ihr Briefwechsel überwacht. DR.GERTRUD LUCKNER fand neue Wege, Hilfe zur Rettung jüdischer Menschen über die grüne Grenze in die Schweiz zu leisten. Bei einem Vortrag über sie zeigte Dr. Hans-Josef Wollasch Skizzen von Fluchtwegen über Singen am Hohentwiel, die wohl DR.GERTRUD LUCKNER benutzt oder weitergegeben hat. Mehrere ehemalige Freiburgerinnen erzählten, unter ihnen z.B. Familie Lais, dass GERTRUD LUCKNER nach der Reichspogromnacht im November 1938 mit dem Fahrrad jüdische Familien aufgesucht und ihre Hilfe angeboten hat. Sie leistete immer wieder vielfältige Hilfe, oft mit Unterstützung des Freiburger Erzbischofs. Sie baute persönlich Netzwerke auf - ohne das Leben der Mitwissenden unnötig zu gefährden. Sie ging sehr geschickt vor und reiste überwiegend nachts.

 

Else Pripis, geborene Geismar, eine Überlebende aus dem KZ Theresienstadt, erzählte, dass GERTRUD LUCKNER  ihrem Bruder Alfred Geismar aus Emmendingen mehrfach Päckchen mit Lebensmitteln an seine Berliner Adresse geschickt hatte. Sie sagte, dass  ihr Bruder ohne diese Hilfe nicht hätte überleben können. Else Pripis-Geismar besuchte GERTRUD LUCKNER  nach dem Nazi-Terror, sie wollte sich für die Unterstützung ihres Bruders bedanken. Eigentlich wollten die beiden zusammen essen gehen, aber - so erzählt Else Pripis – GERTRUD LUCKNER war so aufgeregt, als sie vom Schicksal ihres Bruders hörte, der sich im Alter von 17 Jahren das Leben nahm, dass sie nicht ausgingen.

 

DR.GERTRUD LUCKNERs weiteres Leben:

 

- Verrat durch den Kollegen Rappenecker vom Caritasverband

 

- Verhaftung am 24. März 1943, Polizeigefängnisse Wuppertal, Düsseldorf und Berlin

 

- Die Vorwürfe gegen sie: „Hilfe für Juden beim Verlassen des Landes ( ... ) Illegale Arbeit für das Judentum“ (Quelle 71, S. 38).

 

-Nach acht Monaten Haft wurde sie am 5. November 1943 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert Sie bekam die Häftlingsnummer 24648 und den sogenannten „roten Winkel“ für politische Häftlinge. Sie wurde im KZ von der ebenfalls inhaftierten Ordensschwester EVA LAUBHARDT (Schwester Placida) und KATHARINA KATZENMAIER , später Schwester Theodolinde  unterstützt. Außerdem erhielt sie hin und wieder Post oder auch Päckchen. Nach zwei Jahren schrecklicher KZ-Haft wurde GERTRUD  LUCKNER von Ravensbrück aus Ende April 1945 auf die sogenannten Todesmärsche geschickt.

 

In einem Gespräch mit Schwester Theodolinde vom 2. Januar 1990 im Altersheim St. Vinzenz in Freiburg berichtete DR.GERTRUD LUCKNER :

 

„Ich sehe fast nichts mehr, ich höre nur sehr schlecht. ( ... ) Das Konzentrationslager war die Hölle. Das wissen wir, die wir das Schlimmste an menschlichem Sadismus und Grausamkeit Tag für Tag erdulden mussten. ( ... ) Meine Nächte sind erneut geplagte Stunden, wenn ich im Wachtraum aufschreie vor Angst vor den Greueln der SS, die auf mich einschlagen, brüllen, bis ich todmüde nervlich ermatte, diesmal in meinem Bette hier. Und alle sogenannten „Spätschäden“ werden uns bis zum Tod begleiten und körperlich und seelisch so zusetzen, dass wir stets unverstanden überall unter Menschen sein werden.“

 

Am 28. April sollte das KZ Ravensbrück noch von der SS-Lagerführung gesprengt werden(...) Zündschnur und Sprengladung waren bereits gelegt, rasch hätten alle Holzbaracken mit den Häftlingen in die Luft gesprengt werden können. Es sollten 25.000 Mädchen, Frauen und Kinder so von der SS ermordet werden (Quelle 55, S. 24 7 u. S. 250).

 

GERTRUD LUCKNER fand zum Glück, wie sie später sagte, ein Paar weggeworfene Schuhe. Sie zog sie an und war überzeugt, dass diese ihr wohl das Leben retteten. Sie überlebte die Märsche und kehrte später nach Freiburg zurück.

 

1951 wurde sie nach Israel eingeladen. In Yad Vashem, dem Holocaust-Museum in Jerusalem, wurde ihr zu Ehren ein Baum gepflanzt. 1966 wurde sie ausgezeichnet als eine der „Gerechten unter den Völkern“, das ist die höchste Auszeichnung des Staates Israel. DR.GERTRUD LUCKNER starb am 31. August 1995, fast 95 Jahre alt, in Freiburg.

 

 

Stolpersteinverlegung für DR.GERTRUD LUCKNER im November 2004.

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