STOLPERSTEINE IN FREIBURG

FLORA BAER

FLORA BAER, geborene Stern, kam am 29. Juli 1892 in Karlsruhe zur Welt. Sie arbeitete zunächst als Dienstmädchen in Karlsruhe und Frankfurt. FLORA BAER hatte zwei Töchter, Emma (*8. August 1923) und Erna (*11. November 1925). Sie wohnte in Freiburg im Augustinerheim (auch Augustinusheim) in der Löwenstraße 1 (Mütter- und Säuglingsheim). Weitere Stationen waren die Katharinenstraße 8 und die Hildastraße 66.

Schließlich lebte sie längere Zeit in der Kreispflegeanstalt Freiburg in der Engelberger-/Eschholzstraße im Stadtteil Stühlinger. Wie viele Jahre FLORA BAER dort verbrachte, daran konnte sich der ehemalige Verwaltungsdirektor Wilhelm Späth bei seiner Vernehmung im „Euthanasie-Prozesss“ vor dem Landgericht Freiburg im Juli 1947 nicht mehr erinnern. Möglicherweise war FLORA BAER seit 1920 dort. "In der Anstalt war sie sehr beliebt, sie war harmlos und ordnete sich leicht in den Anstaltsbetrieb ein", gibt Schwester Ildefonsa, die in der Kreispflegeanstalt arbeitete, über die "geringfügig geistesschwache" Frau zu Protokoll. FLORA BAER sei "körperlich normal, aber schwächlich. Sie hat in Zimmer und Küche mitgearbeitet, konnte aber nicht als volle Arbeitskraft angesehen werden. Ihre Arbeitskraft lag bei unter 50%". Im Alter von "etwa 40-45 Jahren" sei FLORA BAER "mit dem ersten Transport weggeholt worden", berichtet Späth. "Weitere Juden wurden von der Anstalt in Freiburg nicht wegverlegt. Es waren dort aber auch keine weiteren Juden untergebracht", gibt er zu Protokoll. FLORA BAER wurde am 18. August 1940 zusammen mit rund 70 Personen in den 'grauen Bussen' nach Grafeneck deportiert. Dort hatten die Nazis eine von etwa fünfzig Anstalten eingerichtet, um ihr 'Euthanasieprogramm' umzusetzen. Das bedeutete die Ermordung von geistig, körperlich oder psychisch kranken Menschen in Gaskammern  oder durch Medikamente. Diese grausame Vorgehensweise wurde auch  als 'Aktion T4' bekannt. FLORA BAER wurde in der Gaskammer von Grafeneck noch am selben Tag, 48 Jahre alt, ermordet.

Sehr viele Versuche, an die Adresse/Wohnorte der Töchter von FLORA BAER zu kommen, scheiterten.

Im Dezember 2012 meldete sich bei der Initiatorin des Freiburger STOLPERSTEIN-Projekts ein Mitarbeiter der Gedenkstätte Grafeneck und fragte an, ob ein STOLPERSTEIN für eine Frau FLORA BAER verlegt worden sei. Dieser Name sei nämlich nicht in der Deportationsliste der 'Euthanasie-Opfer' von Freiburg nach Grafeneck von 1940 zu finden. Diesen Namen haben wir auch nur in den Akten des sog. 'Euthanasie-Prozesses' von 1947/48 entdeckt, weil wir im Jahr 2002 "aus Gründen des Datenschutzes" nicht die Deportatationslisten mit den Namen der Opfer bekommen durften. Als wir bejahten, dass für FLORA BAER  ein STOLPERSTEIN verlegt wurde, sagte man uns, dass eine Frau aus Schottland diese Verwandte suche.

Marlis Meckel berichtet: "Kurze Zeit später bekam ich eine e-mail von Frau Michelle Kaye aus  Glasgow. Sie hatte viele Umwege hinter sich um auf die Suren ihrer Ur-Großmutter FLORA BAER zu kommen. Ihre Großmutter Emma Baer, die älteste Tochter von FLORA BAER, war 2010 in Glasgow gestorben. Es war in der Familie bekannt, dass Emma Baer im "Waisenhaus des Jüdischen Frauenbundes" in Neu-Isenburg bei Frankfurt gelebt hatte. Wie und warum sie allerdings dorthin kam war in der Familie total unbekannt. Bekannt war nur, dass sie 1934 mit einem sog. 'Kindertransport' nach Glasgow in Schottland gebracht wurde, um dem Nazi-Terror in Deutschland zu entkommen.“

Michelle Kaye, die Enkelin von Emma Baer und die Ur-Enkelin von FLORA BAER schreibt per mail: "Emma wollte nach dem Krieg wieder zu ihrer Mutter FLORA BAER nach Deutschland zurück, aber es kam anders. Emma Baer lebte bis an ihr Lebensende in Glasgow.

Sie hat nie viel über ihr Leben in Deutschland gesprochen. Es war wohl zu schwer für sie. Sie nahm an, dass ihre Mutter tot sei. Sie hat aber nie herausfinden können, wann und wie sie starb. Meine Großmutter hörte nie wieder irgendetwas von ihrer Mutter FLORA BAER.

Später schaute ich mit ihr zusammen die Bilder von Neu-Isenburg im Internet an und auf einem Foto erkannte meine Großmutter das Heim des Jüdischen Frauenbundes. Ja, sagte sie, das ist das Haus in dem ich gelebt habe. So fanden wir heraus, dass ihre Mutter wohl Alleinerziehende war.

Nach dem Tod meiner Großmutter Emma Baer erfuhr ich über das Heim, dass Bertha Pappenheim die Gründerin dieses Hauses war. Und trotzdem bekam ich keine weiteren Informationen über meine Großmutter oder Ur-Großmutter. Man sagte mir, dass vieles verbrannt sei. Aber sie hatten dort ein Foto, auf dem Emma Baer war und ein handgeschriebenes Gedicht von ihr."

Und weiter berichtet FLORA BAERs Ur-Enkelin Michelle Kaye:

"Das war für mich besonders berührend und ich versuchte mehr über meine Ur-Großmutter herauszufinden. Ich suchte und suchte in verschiedenen Archiven in Frankfurt, leider vergebens. Aber ich hatte noch eine Chance und ich googelte einfach: FLORA BAER STERN, Stern war ja ihr Mädchenname. Und ... ein Bild des STOLPERSTEINs erschien. Ich dachte, dass es ein Zufall sein muss und nicht eine tatsächliche Person gemeint war, weil ich von keinem Zusammenhang mit Freiburg wusste.

Ich ließ meine Recherchen also wieder einige Monate ruhen. Dann nahm ich aber doch Kontakt zu Grafeneck und Freiburger Archiven auf. Ich war sehr überrascht: Diese Frau FLORA BAER, für die der Freiburger STOLPERSTEIN verlegt worden ist, war offensichtlich meine Ur-Großmutter. Wir alle waren auch überrascht, dass FLORA BAER eine zweite Tochter Erna hatte. Meine Großmutter hatte nie etwas von einer Schwester gewusst oder erzählt. Vom Freiburger Archiv erfuhren wir dann, dass sie - nur einen Monat alt - gestorben war. Das erklärt, dass Emma nichts von ihr wusste.

FLORAs Geschichte ist so schrecklich. Es war neu für uns, dass sie behindert war. Aber es erklärt, warum Emma im Heim des Jüdischen Frauenbundes lebte.

Die Archive in Freiburg gaben mir einige Informationen über ihre Krankheit und FLORAs Verfassung. Nun wissen wir, dass sie in Grafeneck starb und ihr Name auch dort verzeichnet ist. Es ist sehr traurig, dass Emma nie herausgefunden hat, was mit ihrer Mutter geschehen ist. Aber ich bin froh, dass wir endlich die Wahrheit kennen. Und auch, dass es eine Erinnerung an sie in Freiburg gibt.

Dank für all´ Ihre Arbeit zu dem STOLPERSTEIN-Projekt."

Und weiter :

Eine Freundin von Marlis Meckel aus Tel Aviv, Tamar Grizim, heute 93 Jahre alt, war damals auch im Haus des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt. Ihre Mutter arbeitete dort als Lehrerin und Erzieherin. Sie war damals eine Freundin von Emma Baer. An sie hatte Emma Baer 1934 auch das Gedicht zur Erinnerung geschrieben.

Tamar Grizim flüchtete 1934 zusammen mit ihrer Mutter vor den Nazis nach Palästina. Sie hat nun Kontakt mit Michelle Kaye, der Urenkelin von FLORA BAER.

  • Stolpersteinverlegung für FLORA BAER im Juli 2003.

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