STOLPERSTEINE IN FREIBURG

 

 

CARRY JUDAS

125 | Gresserstraße 17, 79102 Freiburg | (A)

CARRY (auch Cery) JUDAS wurde am 14. Mai 1896 in Obbach, Kreis Schweinfurt, als Carry Ramsfelder geboren. Sie war verheiratet mit LEOPOLD JUDAS, gemeinsam hatten sie den Sohn Kurt Josef Judas (*26. Mai 1932 in Ihringen). Die Eltern von CARRY JUDAS  hießen Ida und Willy Ramsfelder. Im Einwohneradressbuch von Freiburg der Jahre 1933 bis 1940 ist der Name der Familie LEO und CARRY JUDAS nicht erwähnt. Aber die erste „offizielle“ Wohnung in Freiburg war in der Erbprinzenstraße 9 im zweiten Stock. Dort wohnte auch der Bruder ihres Mannes LEO JUDAS  mit seiner Frau HILDE und den Söhnen Manfred und Erwin. CARRY und LEOPOLD JUDAS wohnten danach in der Gresserstraße 17.

 

Sie wurden am 22. Oktober 1940 aber in der Kirchstraße 1 verhaftet und über den Anna-Kirchplatz und den Güterbahnhof in das französische Internierungslager Gurs deportiert. Kurt Judas, damals acht Jahre alt, schreibt in seinen Erinnerungen:

 

„Am 22. Oktober 1940 wurden die meisten Juden aus der Region deportiert in die Konzentrationslager in Frankreich, nahe der spanischen Grenze in das Camp Rivesaltes und Camp Gurs. Baracken und Strohmatratzen waren die Norm. Junge Kinder wurden mit ihren Müttern zusammengetan. Väter wurden separiert. Die Bedingungen waren grausam. Schlammige Fußwege, das Essen war sehr knapp. Meine Großmutter (BERTHA JUDAS) starb nach sechs Wochen Internierung, sie starb an Typhus und Durchfall. Einige Monate später sind wir deportiert worden in ein anderes Camp. Dort haben die brüllenden Winde Verwüstung in unser Leben gebracht. Diese Camps waren unter der Regierung der Vichy-Kollaborateure. Meine Eltern und ich, ein Onkel, Tante und Cousins, eine andere Tante und ihre Familie retteten sich durch den Stacheldrahtzaun bei Nacht (heute vermuten wir, dass die Unterstützung durch den Cousin ERICH JOSEPH FORST mit Hilfe der Resistance erfolgte M.M.). Es war uns möglich - irgendwie - zu leben auf einer Farm, für einige, mehrere Monate. Wir hatten Visionen eines sicheren Himmels, aber nicht solch ein Glück. Wir sind dann gefasst worden und in das Camp Rivesaltes zurückgebracht worden.“ (Quelle 47)

 

Außer den Kindern Kurt, Manfred und Erwin Judas hat niemand aus diesen JUDAS-Familien, die nicht geflüchtet sind, den Holocaust überlebt. Kinder bis zu 16 Jahren hatten in den Camps manchmal eine Chance, den Nazi-Terror zu überleben. Aus den Lagern Gurs und Rivesaltes gelang es, einige Kinder mit Hilfe verschiedener Organisationen wie CIMADE (Hilfsorganisation protestantischer Kirchen in Frankreich), oder OSE (Oeuvre de Secours aux Enfants, eine jüdische Kinderhilfsorganisation) mit Duldung der Vichy-Regierung durch mutige Helferinnen und Helfer zu retten. Kurt Judas schreibt dazu:

 

„In der Mitte des Jahres 1942, als mehr als 1.000 Menschen auf Befehl von Eichmann pro Deportationszug zu ihrer letzten Reise nach Auschwitz in Viehwaggons deportiert wurden, hatte meine Mutter wunderbarerweise die Voraussicht, mich der jüdischen Untergrundorganisation, der OSE, zu überlassen. Diese Organisation sollte Kinder retten, sie schmuggelten annähernd 6.000 Kinder, mich eingeschlossen, raus aus diesen Camps. Ich erbte den Titel des umherwandernden Juden“.(Quelle 47)

 

Kurt Judas wurde in Frankreich von Heim zu Heim gebracht, mit unterschiedlichen Identitäten, er litt Hunger, wurde sexuell missbraucht, geschlagen, erlebte die Bombardements der Alliierten, litt unter der Ungewissheit, was mit seinen Eltern geschehen war, aber am Ende sagt er: „Ich bin ein Überlebender“. Er lebte bei Tante und Onkel und einem Cousin in den USA.

 

Und obgleich er nie wieder nach Deutschland kommen wollte („I shall never return“), konnten ihn engagierte Schüler der Lessingschule Freiburg dazu bewegen, diesen schweren Schritt doch zu gehen. Seine Cousine ELSE FORST, sein Cousin ERICH JOSEPH FORST und seine Tante BELLA FORST haben keine Gräber, aber STOLPERSTEINE die an sie erinnern. Diese hat Kurt Judas im Januar 2005 besucht, zusammen mit seiner Frau Adele Judas, die auch eine „Überlebende des Holocaust“ ist.

 

Seine Mutter CARRY JUDAS wurde vom Camp Gurs oder Rivesaltes aus in das KZ Drancy deportiert. Von dort wurde sie mit dem Konvoi Nr. 62 am 20. November 1942 in das KZ Auschwitz-Birkenau weiter deportiert und im Alter von 46 Jahren in den Gaskammern ermordet.

 

 

Stolpersteinverlegung für CARRY JUDAS im Juli 2003.

 

Quellen:   1, 2, 3, 4, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 16, 47

 

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